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Nachbarn - Sept. 2012

24. September 2012    altern    fahren    gehen    Leben    ruhen    Täglich    Zeit und Leere  

Nachbarn

Die Frau im Rollstuhl wohnt im Block nebenan. Wir sehen sie jeden Tag, wenn wir ins Dorf spahzieren. Sie “geht” einkaufen. Einen Weg, der im Rollstuhl wirklich sehr lang ist, vor allem dann, wenn Frau die Beine gar nicht richtig auf die Fussablage stellen kann.

Ich habe beobachtet, wie sie mit allem beschäftigt ist, was sie am Wegesrand antrifft. Hühner und Katzen scheinen richtige Dialoge mit ihr zu führen.

Sieht man sie ein einziges Mal, spürt man grosses Bedauern mit ihr. Begegnet man ihr öfter, so beginnt man zu begreifen, dass sie eine Strategie gefunden hat, um nicht mit ihrem Schicksal hadern zu müssen:

Sie antwortet ihrer Mühsal mit Zeit. Sie nimmt sie sich einfach. Der mühsame Weg würde sie zwei Stunden kosten. Sie macht von Anfang an vier Stunden draus, erlebt und schreibt jeden Tag neu ihr eigenes Roll-Stop-And-Go-Movie.

Und schon mag ich nicht an ihr vorbei gehen, ohne ihr wenigstens guten Tag gesagt zu haben.